Rückblick Veranstaltung

Innovationsmanagement – Über den Mut zum Scheitern

Do. 23.01.2020 19.00 Uhr -
Referent/-in: Jörg Hirt, Chief Innovation Manager Research & Innovation [:RI:]
Moderation: Anja Persch

"Nashörner sind wie Einhörner ... nur fetter!"

Gleich zum Jahresauftakt 2020 präsentierte der Marketingclub Saar erneut ein Veranstaltungs-Highlight. In einem ebenso fundierten wie unterhaltsamen Vortrag präsentierte Jörg Hirt, wie die REWE-Group sich durch kontinuierliches Innovation-Management im Wettbewerb behauptet.Hirt ist Leiter des Bereichs Research und Innovation bei der Konzerntochter REWE Digital GmbH und somit verantwortlich für alle Innovationsprozesse der Gruppe. Ein Bereich mit viel Verantwortung, da nur Innovationen langfristig das Überleben sichern. Zugleich bedeutet dieser aber auch viele Freiheitsgrade, um neue, unbekannte und ungewöhnliche Themenspektren zu erkunden.

Gerade der Lebensmittel-Einzelhandel, das Hauptgeschäftsfeld der REWE, ist in permanentem, rasanten Wandel. Die Gefahren für große Konzerne wie REWE (oder „Nashörner“, wie Hirt sagt) mit 60 Mrd. Euro Umsatz und 360.000 Mitarbeitern sind dabei vielfältig: einerseits drängen digitale Player wie Amazon mit neuen Konzepten auch in den deutschen Markt, andererseits machen gerade hoch-kreative, schnelle, innovative Start-ups wie Picnic oder Flaschenpost.de (die „Einhörner“) den Etablierten das Leben schwer.

Eine weitere Gefahr lauert im deutschen Konsumverhalten: gaben die Haushalte 1950 noch 44% ihres Einkommens für Lebensmittel aus, waren es 2018 noch erschreckende 14%, knapp 300 Euro pro Monat. Diese Zahlen stagnieren seit Jahren und auch eine Einkommenssteigerung führt in Deutschland nicht dazu, dass mehr oder hochwertiger konsumiert wird. Die Folge: während der Handel z.B. in Großbritannien Margen von 6-8% erzieht, sind es hierzulande mickrige 1-3%. Wachstum ist fast nur noch durch Verdrängung (oder Zukauf) und konsequente Prozessoptimierung zu erreichen. Aber auch diese Möglichkeiten stoßen irgendwann an ihre Grenzen. Der gemeine Deutsche steckt sein Geld halt lieber in Dinge mit Außenwirkung und nicht in die Qualität seines Schnitzels. Der traurige Alltag besteht dann oft aus dem Weber-Grill für 1.200 Euro und Discounterfleisch für Einsneunundneunzig.

„In Zukunft reicht es nicht mehr aus, groß und fett zu sein, wenn man überleben will“, führt Jörg Hirt seine Analogie mit den Nas- und Einhörnern näher aus. Auch wenn REWE aktuell sehr erfolgreich ist und in den letzten Jahren ein starkes Wachstum erreichen konnte, verändern sich Konsumenten und Umweltfaktoren permanent. Entwicklungen, auf die Einhörner oft schneller und angepasster reagieren können. Zwar gab es Innovationen in allen Phasen der Geschichte – im digitalen Zeitalter passieren diese jedoch so schnell wie nie zuvor und betreffen ausnahmslos alle Branchen. Hirt plädiert daher auch dafür, sich den Entwicklungen v.a. im technologischen Bereich zu stellen und diese nicht zu unterschätzen oder gar zu leugnen. Um widerstandsfähig gegen Veränderungen im Markt zu werden, muss man mutig sein, die neuen Spielregeln lernen und akzeptieren und Entwicklungen immer als Ganzes aus der Vogelperspektive betrachten.

Grund genug für die REWE-Group, sich eine 600 Mitarbeiter starke Sondereinheit aufzubauen, die sich genau mit diesen innovativen Themen beschäftigt und hier für die Zukunft wertvolles Erfahrungswissen aufzubaut. Die REWE Digital GmbH „kämpft“ dabei an vielen Fronten gleichzeitig. Themen wie Robotics in der Logistik, Lösungen für die Last Mile Delivery, autonome Läden oder Conversational Commerce sind nur eine kleine Auswahl der Bandbreite, mit der man sich aktuell beschäftigt.

Zum Abschluss seiner Präsentation zeigte Hirt dann am Beispiel von Voice Commerce – also der Nutzung von interaktiven Lautsprechern wie Google Alexa – wie umfassend und tiefgreifend diese Innovation zukünftig in den Alltag Einzug halten könnten. Hirt bezeichnet diese Technologie als die „nächste Killerapplikation“ im Markt, da Voice sich zukünftig weg vom einfachen Gerät hin zu einer kompletten Plattform interaktiver Kontaktmöglichkeiten mit dem Konsumenten entwickeln wird.

In seinem Fazit erneuerte Hirt den Appell an die Zuhörer, mutig zu sein und sich Innovationen nicht zu verschließen. Dabei gab der Referent zu, dass wahrscheinlich 90% der Projekte, die man im Innovationsmanagement angeht, später im Sande verlaufen. Dennoch sei es wichtig, diese Erfahrungen zu machen und keine Angst vor einem Misserfolg zu haben. Die gemachten Erfahrungen bleiben und helfen vielleicht in anderen Themenbereichen auf dem Weg zu einem Erfolg. Denn eines ist sicher: der Kunde wird sich schneller und umfassender verändern als je zuvor. Minutenlanger Applaus der fast 120 Gäste schloss sich an den gelungenen Vortrag an.

Ein ganz besonderer Dank geht an Ramon Gechnizdjani und das SAARRONDO-Team der Tanzschule Bootz-Ohlmann, die nun bereits zum dritten Mal der perfekte Gastgeber einer Auftaktveranstaltung des Marketingclubs Saar war.

[Text: Markus Zimmermann]

© Foto: Dirk Guldner / guldner.de